Energietrends/Technologien: Kunststoffverölung
Aus Müll mach Öl

Nie zuvor war der weltweite Bedarf an Erdöl so hoch wie heute. Gleichzeitig versiegen immer mehr Ölquellen. Mit dem Rückgang der Fördermenge steigt der Preis für das schwarze Gold. Mithilfe eines altbekannten Verfahrens will Deutschland nun eine neue Erdölquelle erschließen: Die Müllhalde.
Als das Patentamt im Jahre 1937 das Patent für ein Verfahren eintrug, mit dem sich Plastik in Öl umwandeln lässt, interessierte das die Öffentlichkeit kaum dafür. Warum Öl im Labor herstellen, wenn es doch in Hülle und Fülle unter der Erde liegt, lautete damals die Devise.
Heute, keine 100 Jahre später, erlangt die Erfindung doch noch späten Ruhm. Der Grund: Die weltweiten Ölvorkommen gehen zur Neige. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich der Preis für Öl verdreifacht. Ein Ende der Preissteigerung ist nicht in Sicht.
85 Milliliter Öl aus 100 Gramm Kunststoff
Deshalb erlangt ein alternatives Verfahren an Bedeutung. "Syntrol-Thermolyse" nennt die Chemie den Prozess zur Ölgewinnung aus Plastik, die sogenannte "Kunststoffverölung". Dabei wird Plastik erhitzt bis Gase entstehen. Diese kühlen ab und verflüssigen sich. Das so entstandene Produkt lässt sich als Heizöl verkaufen oder nach weiterer Bearbeitung und Veredelung für andere Zwecke nutzen.
Die Ausbeute des Verfahrens klingt beachtlich: Aus 100 Gramm Kunststoff sollen 85 Milliliter Öl entstehen. Rund 4,8 Millionen Tonnen Plastik-Müll fallen in Deutschland jährlich an. "Mit dieser Menge könnten wir mit unserer Technologie theoretisch drei bis fünf Prozent des deutschen Rohölimports abdecken – in Zeiten ständig steigender Ölpreise eine verlockende Aussicht", erklärt Oskar Edler von Schickh, Geschäftsführer der Öko-Energie Umweltfonds 1.
Der Fonds plant die Errichtung von vier Syntrol-Anlagen in Mannheim, in denen aus Plastikabfällen Öl entstehen soll. "Unser Projekt wird den deutschen Recyclingmarkt im Hinblick auf Plastikmüll wesentlich verändern", erklärt sein Kollege, der Diplom-Ingenieur Norbert Dinter.

Kritiker: Kunststoffverölung nicht rentabel
Wissenschaftler des Bundesverbandes für Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) stehen dem Verfahren skeptisch gegenüber. "Nicht jeder Kunststoff eignet sich für das Thermolyse-Verfahren", sagt Thomas Probst vom bvse. Eine Tonne Plastikmüll von entsprechender Güte koste in Deutschland etwa 200 Euro. Durch den hohen Preis, so seine Kritik, ist das Verfahren nicht mehr rentabel.
Ebenso unklar sei, was mit den Rückständen des Thermolyse-Prozesses geschieht. Die so genannte Schlacke ist unter Umständen giftig und schwer zu entsorgen. "Weit besser ist die werkstoffliche Wiederverwertung von Kunststoffen", so Probst. "Anstatt einen aufwändigen chemischen Prozesse zu durchlaufen, wird das Plastik lediglich geschreddert. So lässt es sich vergleichsweise unkompliziert zu neuen Produkten formen."
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