11.11.2011 Bundesumweltminister Norbert Röttgen im Interview
„Energiewende ist nicht unbezahlbar“

11.11.2011 - Deutschland schaltet als erstes Land der Welt funktionstüchtige Atomkraftwerke ab. Gleichzeitig sollen die ambitionierten Klimaziele der Bundesregierung erreicht werden. Aber sind Atomausstieg und CO2-Reduktion überhaupt miteinander vereinbar? Droht der große "Blackout"? Wer trägt die Kosten? Umweltminister Norbert Röttgen gibt Antworten auf drängende Fragen.
Um die Klimaziele nicht zu gefährden, setzt Deutschland nach dem Atomausstieg auf den Bau von kohlenstoffarmen Kraftwerken, vornehmlich Gaskraftwerken. "Die Klimaschutzziele stehen keineswegs zur Disposition", versichert Röttgen in einem Interview mit dem Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA). "Es bleibt ganz ausdrücklich dabei: Wir wollen bis zum Jahr 2020 die Treibhausgasemissionen um 40 Prozent senken und dann wird es stufenweise weitergehen bis 2030 um 55 Prozent, bis 2040 um 70 Prozent und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent."
"Energieeffizienz ist Kernfrage der Energiewende"
Doch der Neubau von Kraftwerken allein reiche nicht aus, um den fehlenden Atomstrom zu ersetzen und das Klima zu schützen. Deshalb soll Deutschland insgesamt weniger Energie verbrauchen. "Die Energieeffizienz ist eine Kernfrage der Energiewende. Das Energiekonzept der Bundesregierung sieht vor, den Primärenergieverbrauch um 20 Prozent bis zum Jahr 2020 und um 50 Prozent bis 2050 zu senken. Der Stromverbrauch soll dagegen bis 2020 um 10 und bis 2050 um 25 Prozent reduziert werden."
1,5 Milliarden Euro für die Sanierung alter Gebäude
Einsparmöglichkeiten sieht die Regierung vor allem bei alten, schlecht gedämmten Gebäuden. "Wir wollen die Finanzmittel des CO2-Gebäudesanierungsprogramms im Vergleich zu diesem Jahr von 936 Millionen Euro auf 1,5 Milliarden Euro für die Jahre 2012 bis 2014 erhöhen. Das wird zu zusätzlichen Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe führen."
"Strompreise werden sich nicht dramatisch verändern"
Um die enormen Summen aufzubringen, soll der Steuerzahler zur Kasse gebeten werden. Doch eine Strompreis-Explosion schließt der Minister aus: "Klar ist: Die Energiewende ist nicht umsonst zu haben. Aber genauso klar ist: Sie wird nicht unbezahlbar. Nach fast allen vorliegenden Studien werden sich die Strompreise durch den beschleunigten Kernenergieausstieg nicht dramatisch verändern.“
Insgesamt sinke der Strompreis sogar: "Auch nach dem Abschalten der acht Kernkraftwerke liegt das Strompreisniveau immer noch deutlich unter den Strompreisen, die Unternehmen wie private Verbraucher noch vor wenigen Jahren zahlen mussten."
"Ein Blackout ist in Deutschland auszuschließen"
Doch reichen die Maßnahmen tatsächlich aus? Kritiker warnen vor einem instabilen Stromnetz. Ein Stromausfall kann enorme wirtschaftliche Schäden verursachen, wenn Produktionsstätten stillstehen.
Laut Röttgen wurden die notwendigen Vorbeugemaßnahmen bereits getroffen: "Zur Sicherheit haben wir bei Verabschiedung des Atomgesetzes die Bundesnetzagentur beauftragt, zu prüfen, ob etwa eines der acht stillgelegten Kernkraftwerke über die Winter 2011/2012 und 2012/2013 noch als Reservekraftwerk betriebsbereit gehalten werden muss. Nach den sehr sorgfältigen Recherchen der Bundesnetzagentur ist ein 'black out' in Deutschland selbst in Zeiten höchster Belastung auszuschließen."
"Deutschland bleibt Importeur und Exporteur von Strom"
Ganz ohne Stromimporte werde Deutschland nach Ansicht des Bundesumweltministers jedoch nicht auskommen. Das sei aber keine Folge des Atomausstiegs: "Die Stromversorgung war in Europa schon immer auf Zusammenarbeit und Stromaustausch ausgerichtet. Stromimporte und Stromexporte hat es vorher gegeben und wird es weiter geben."






