SecondHand, my Friend

Secondhandmode liegt im Trend. Unser Redakteur Thomas tat sich allerdings lange schwer damit – bis er auf der Suche nach einer Cordhose Münchens Ladenszene für gebrauchte Kleidung entdeckte.

Völlig verschwitzt und fassungslos sitze ich in einem Café in Rosenheim, meinem Heimatstädtchen im oberbayerischen Alpenvorland: Ich war in zig Kaufhäusern gewesen, hatte diverse Boutiquen durchforstet und trotzdem nicht gefunden, wonach ich den ganzen Nachmittag über gesucht hatte. Alles, was ich wollte, war eine simple Cordhose.   

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Und nun?

Ja, klar, ich weiß: Im Internet hätte ich mir Hunderte solcher Hosen bestellen können. Ich will aber nur eine. Die will ich fühlen, in aller Ruhe anprobieren und erst dann kaufen. Und nicht online shoppen und dann zurückschicken, wenn’s mir nicht gefällt. Denn das schadet der Umwelt. „Mensch, Papa, probier’s doch einfach mal in einem Secondhandladen“, empfiehlt mir meine älteste Tochter. Das sei nicht nur nachhaltig und vernünftig, sondern sogar angesagt. Ich schaue skeptisch: Bislang hatte ich bei gebrauchter Kleidung vor allem an dunkle, vollgestopfte Geschäfte mit Wühltischen gedacht, in denen es nach Mottenkugeln und Räucherstäbchen riecht. Aber vielleicht sind das ja auch Vorurteile. Okay, denke ich, warum probiere ich es nicht einfach mal aus?

Rein ins Abenteuer

Weil ich auf dem Land wohne, fahre ich eine Woche später mit dem Zug nach München. Der erste Shop, in den ich mich hineinwage, kommt mir gar nicht vor wie ein Laden für gebrauchte Kleidung. Eher wie eine Designer-Boutique. Drinnen duftet es nach Frühling, die großen Fenster lassen viel Licht hinein, auf einigen Regalen entdecke ich Blumensträuße. Im Hintergrund singt Jacques Brel von der Liebe: Meine Laune wird von Minute zu Minute besser!

Vier Fünftel des Ladens sind mit Damenkleidung befüllt, der Rest – ein paar Kleiderstangen und ein Schuhregal – mit Männerklamotten. Könnte man doof finden, so ein schmales Angebot, aber schnell merke ich, dass Übersichtlichkeit auch etwas Gutes hat: Ich muss nicht lange suchen und spare Zeit. Und das, was hier für Männer hängt, kann sich sehen lassen: ausgefallene Sakkos, diverse Pullover und ja, auch ein paar Hosen. Sogar aus Cord: Doch eine ist mir zu klein, die andere zu groß und die, die passen würde, gibt’s nur in Lila. Nicht so mein Geschmack …  Aber immerhin: alles in sehr gutem Zustand. Die Reißverschlüsse funktionieren, Löcher oder fehlende Knöpfe entdecke ich auch keine. Und die Preise? Zivil. Ein toller Laden mit nur einem Haken: Cordhosen nach meiner Vorstellung gibt es nicht. Ich müsste immer mal wieder reinschneien, ruft mir die freundliche Inhaberin zu, bevor ich gehe.

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Mit Liebe zum Detail

Die Sonne scheint, ich schlendere weiter und habe das Gefühl, dass es in München an fast jeder Ecke einen Secondhandladen gibt. Das kenne ich aus dem deutlich kleineren Rosenheim nicht. Keine zehn Minuten später und nach einem schnellen Cappuccino im Stehen drücke ich mir die Nase an den Schaufenstern des nächsten netten Ladens platt. Ich erspähe Kleidung, Schuhe, Taschen, Accessoires: Noch so ein geschmackvoll eingerichteter Ort, lichtdurchflutet und einladend, liebevoll dekoriert – einfach schön anzusehen. Aber nur von draußen, weil er erst in einer halben Stunde öffnet. Nicht schlimm, denn so, wie’s in echt und bei Instagram ausschaut, gibt es hier sowieso nur gebrauchte Stücke für Frauen. Mein nächster Halt ist der Secondhandladen einer internationalen Nothilfe- und Entwicklungsorganisation. Das Konzept: Ehrenamtliche Mitarbeiter verkaufen Kleidung, die gespendet wurde, und der Erlös fließt in die entwicklungspolitische Arbeit der Organisation. Gute Sache, finde ich, und trete ein. Die Inneneinrichtung in der Filiale ähnelt einem Kaufhaus aus den 1980-er Jahren, doch die Kleidung wirkt bestens erhalten und günstig. Trotzdem: Meine Cordhose gibt’s auch hier nicht.

Doch noch erfolgreich

Später komme ich noch an einem Secondhandladen vorbei, der stylische Vintage-Möbel feilbietet. Wunderschöne Stücke, aber zu Preisen, für die mein Budget nicht ausreicht. Und dann stehe ich plötzlich wieder vor meinem ersten Secondhandshop. Ich gehe noch mal rein, einfach so zum Spaß, und kaufe mir dann doch was: keine Cordhose zwar, aber dafür einen ziemlich coolen Mantel. Secondhand beginnt langsam, mir Laune zu machen. Und meine Cordhose, da bin ich mir absolut sicher, finde ich früher oder später auch noch!