Energie aus der Tiefsee

Als Horst Schmidt-Böcking im Jahr 1939 das Licht der Welt erblickte, erzeugten stinkende Kohlekessel den Strom. An Klimaschutz und erneuerbare Energien war damals noch nicht zu denken. Er erinnert sich an Zeiten, in denen Strom nicht selbstverständlich war. Als er 1960 sein Studium der Physik antritt, feiert die junge Bundesrepublik die Atomkraft als Technologie der Zukunft. Dann folgten Tschernobyl und jüngst Fukushima.

Heute ist Schmidt-Böcking 72 Jahre alt und erlebt den Anfang einer neuen Ära: Mit der Energiewende soll Deutschlands Strom auf lange Sicht ausschließlich umweltfreundlich und klimaneutral entstehen. Experten halten das für machbar, vorausgesetzt es gelingt große Strommengen effizient zwischen zu speichern. Andernfalls lassen sich wetterbedingte Schwankungen in der Energieerzeugung nicht ausgleichen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Gerhard Luther hat Schmidt-Böcking eine Lösung für das Problem gefunden – „so einfach, dass noch niemand drauf gekommen ist“, sagt er.

Sechs Meter dicke Wände gegen den Druck

Öffnet man eine leere Flasche unter Wasser, füllt sie sich. Unmittelbar unterhalb der Wasseroberfläche fließt das Wasser vergleichsweise langsam in die Flasche. Mit zunehmender Wassertiefe steigt der Druck, der das Wasser in die Flasche presst. Dieses Prinzip will Schmidt-Böcking zum Speichern von Strom nutzen. An Stelle einer Flasche will er eine riesige Betonkugel mehrere hundert Meter tief im Meer versenken. Die Betonkugel muss so gebaut sein, dass sie dem enormen Wasserdruck in dieser Tiefe Stand hält. Eine Kugel mit einem Innendurchmesser von 50 Meter bräuchte in dieser Tiefe etwa sechs Meter dicke Wände.

Geniale Kombination: Die Pumpturbine

In der Hülle der Kugel sind Turbinen eingebaut, die durch ein langes Stromkabel mit der Oberfläche verbunden sind. Bei Energieengpässen kann die Kugel geflutet werden. Das einströmende Wasser treibt die Turbinen an und erzeugt so Strom. Produzieren Windkraft und Co. zu viel Strom, werden die Generatoren zu Pumpen. Mithilfe des überschüssigen Stroms pressen sie das Wasser wieder aus der Kugel hinaus. Um so tiefer die Kugel am Meersboden liegt, um so mehr Strom ist nötig um das Wasser gegen den Druck wieder hinaus zu pressen. Umgekehrt kann mehr Strom zurück gewonnen werden. Somit lässt sich mit zunehmender Tiefe immer mehr Strom speichern.

Problemlose Wartung dank Rettungsring

Doch was, wenn eine Turbine ausfällt? Sind Reparaturarbeiten in 2.000 Meter Tiefe überhaupt möglich? Auch hierfür hat Schmidt-Böcking eine Lösung. An der Kugel ist ein aufblasbarer Gürtel befestigt. Füllt er sich mit Luft schwimmt sie an die Oberfläche. Doch das wäre nur im Notfall nötig. Grundsätzlich soll die Kugel so gebaut sein, dass sie von selbst auftaucht, wenn sie komplett leer gepumpt ist. So könnte sie jederzeit problemlos gewartet werden. Im Normalbetrieb bleibt ein kleiner Rest Wasser in der Kugel und hält sie unter Wasser.

Namhafte Unterstützer

Wie viel Potenzial Schmidt-Böckings Idee zu haben scheint, zeigt die Reaktion aus Industrie und Wirtschaft. Bereits wenige Monate nach Anmeldung des Patents fand der Erfinder namhafte Partner, die seine Idee umsetzen wollen. Mehr dazu im Interview mit Schmidt-Böcking.