Es geht um das Überleben unserer Art

Alle reden vom Energiesparen, die wenigsten tun es. Welche psychologischen Faktoren beeinflussen das Verhalten der Menschen bei Umweltfragen im täglichen Leben?

Peter Schmuck: Solche Faktoren sind meines Erachtens insbesondere die Werthaltungen, welche bewusst oder unbewusst unser Verhalten bestimmen. Wenn wir uns als Teil eines wunderbaren Lebensnetzes begreifen, werden uns auch andere lebende Wesen wichtig sein und uns am Herzen liegen – und wir werden beginnen, die „Um“-welt stärker als „Mit“-welt wahrzunehmen. Wir werden liebevoll mit ihr umgehen. Diese Werthaltung wird in unserer Gesellschaft zwar derzeit nicht intensiv gefördert, wird aber von einer zunehmenden Anzahl von Menschen gelebt und praktiziert.

Und wie kann ich mich selber motivieren, meine Energiesparvorhaben in die Tat umzusetzen?

Peter Schmuck: Der sicherste Weg scheint mir darin zu liegen, dass wir zu begreifen suchen, dass fossile Energiequellen endlich sind und deren Nutzung schädlich ist – und dass auch die erneuerbaren Energien nicht in beliebiger Menge verfügbar sind. Wenn das klarer wird, werden wir jede Energieverschwendung als Verletzung unserer ökologischen Rahmenbedingungen oder als Verstoß gegen Fairnessgebote erleben und somit zu vermeiden suchen. Ohne, dass uns jemand dazu drängen muss und auch unabhängig von finanziellen Erwägungen.

Selbst bei der größten Erkenntnis — braucht es für die Energieeffizienz von Gebäuden, Fortbewegungsmitteln und Elektrogeräten nicht doch strikte gesetzliche Regelungen oder ist freiwillige Konsumkontrolle auch eine Option?

Peter Schmuck: Gesetze sind auf den ersten Blick ein probates Mittel, Leitlinien wie Energieeffizienz durchzudrücken. Wenn aber grosse Teile der Bevölkerung die Begründung für einen sparsamen Umgang mit Energie nicht verstehen, besteht die Gefahr, dass die Gesetze umgangen werden. Oder schlimmer noch, dass bei der nächsten Wahl andere politische Kräfte diese Gesetze wieder rückgängig machen, wie wir es derzeit mit dem Ausbremsen der Bürger-Energie-Wende erleben. Aus diesem Grund baue ich stärker auf die Aufklärung „von unten“.

Trotz aller Erkenntnis verreisen die meisten im Urlaub per Flieger. Welche Anreize müssten geschaffen werden, damit der Einzelne sein Auto stehen lässt und statt aufregender Fernreisen zu unternehmen, näher gelegene Reiseziele und emissionsarme Fortbewegungsarten wählt?

Peter Schmuck: Die Klimaerwärmung wird uns allen in den kommenden Jahren sehr zu schaffen machen, vielleicht sogar in unserer Existenz bedrohen. Um den CO2 Ausstoß substantiell zu senken, braucht es vermutlich zweierlei: „Bottum-up“ Initiativen auf der einen Seite, also viele Menschen, die an der Basis der Gesellschaft postfossile Lebensmuster neu entdecken, also zum Beispiel erfahren, dass Radfahren und Wandern in unserer wunderbaren Heimat hier in Mitteleuropa eine hochattraktive Urlaubsoption ist (auch weil sie über die Klimafolgen von Kerosinverbrennung Bescheid wissen). Und „top-down“ Maßnahmen, welche in der Übergangszeit zum postfossilen Zeitalter z.B. die künftigen Klimaschäden durch CO2 in den aktuellen Preis einer Ware aufnimmt. Dann würden Tomaten aus holländischen Treibhäusern, die mit Nordseegas beheizt werden, wohl keinen Absatz mehr finden. Diese dringend erforderlichen Maßnahmen werden sich aber nur durchsetzen lassen, wenn mehr von uns begreifen, worum es hier geht: Um das Überleben unserer Art.

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Welche konkreten Maßnahmen könnten es dem Einzelnen erleichtern, mehr auf seinen Energieverbrauch zu achten?

Peter Schmuck: Man könnte die heute verfügbare Technik nutzen, dass wir Menschen uns jederzeit einfach über den Strom- und Wärmeverbrauch von Geräten und Heizinstallationen in Wohnung, Haus und Büro informieren können. Viele Menschen wissen nicht, wieviel Strom ihr Kühlschrank, Fernseher oder Computer benötigt, und schon gar nicht, wie der Verbrauch der effizientesten Geräte am Markt ist. Hier könnte man mit Apps oder ähnlichen modernen Mitteln Transparenz anbieten. Diese Transparenz ist Voraussetzung dafür, dass wir über solche Fragen zu sprechen beginnen – was dann zu einer schnellen Verbreitung von Information über effiziente Geräte und deren Durchbruch am Markt beitragen kann.

Braucht es eine kritische Masse, die vorlebt, dass Energiesparen nicht automatisch Verzicht bedeutet?

Peter Schmuck: Ein gutes Gewissen und alle Maßnahmen, die ihm dienen, sind psychologisch gesehen ein Gewinn. Verschwendung aller Art läßt sich nicht mit einem guten Gewissen vereinbaren. Wenn wir Menschen das begreifen und unser Leben entsprechend umstellen, können wir das anschließend unaufdringlich unseren Bekannten zur Kenntnis geben, etwa so: „Du, ich habe ´nen neuen Kühlschrank, der braucht pro Jahr mit Anschaffung und Verbrauch nur x Euro. Gegenüber meinem alten sind das x Euro weniger. Wieviel braucht Deiner?“. Auf diese Weise kann die Transformation in Gang kommen, auch ohne dass es eine kritische Masse braucht. Jeder von uns, der für diese Dinge sensibilisiert ist, kann das recherchieren und weitertragen.

Müsste der Einzelne noch mehr von den Folgen von Emissionen und den daraus resultierenden Klimaveränderungen betroffen sein, um nachhaltig Umzudenken?

Peter Schmuck: Ja, sicher, wenn sich die Küstenlinien Europas in Richtung Alpen verschieben, werden wir ja gezwungen, umzudenken. Allerding habe ich mir den Optimismus bewahrt, dass wir als „homo sapiens“ (also „kluger Mensch“, wie Anthropologen unsere Art kennzeichnen) es schaffen werden, noch vor einer Sintflut umzudenken. Dieser Optimismus speist sich aus guten Erfahrungen mit der Energiewende in vielen deutschen Kommunen, an deren Initiierung ich beteiligt war und bei denen ich viele großartige Pioniere postfossiler Lebensstile in unserem Land kennenlernen konnte. Zum anderen ziehe ich Zuversicht aus zahlreichen innovativen Initiativen in vielen gesellschaftlichen Bereichen, welche in den Jahren seit der Rio Konferenz in unserem Land aus dem Boden geschossen sind und über die ich in meinem letzten Buch „Die Kraft der Vision“ (Oekom Verlag, 2015) berichte.

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