Wie funktioniert der Stromhandel an der Börse?

Strom ist ein flüchtiges Gut und muss überwiegend direkt verbraucht werden. Das regelt der Handel an der Strombörse.

Der Kaffee in der Maschine brodelt, der Kühlschrank surrt, der Router blinkt: Unser modernes Leben ist ohne Strom nicht möglich. Einkaufsexperten der Energieversorger kümmern sich darum, dass die Menschen rund um die Uhr genug Energie haben. Dafür müssen sie weit im Voraus denken und handeln.

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Strom als Handelsware

Bleibt die Frage: Wie kommen die Großhandelspreise zustande – und damit letztlich auch die sichere Versorgung? Der größte Marktplatz Europas für den Handel mit Strom ist die Strombörse European Energy Exchange (EEX) in Leipzig. Dort kaufen große Energieversorger und Einkaufsgemeinschaften im Auftrag kleinerer Stadtwerke einen Großteil der Energie ein, die ihre Kunden benötigen. Die EEX führt nationale und internationale Stromanbieter und -nachfrager zusammen, also Kraftwerks- und Windparkbetreiber auf der einen und Energieversorger, Banken und Industriekonzerne mit hohem Strombedarf auf der anderen Seite. Handelspartner ist für beide Seiten die Börse. Damit sollen Markt- und Preismanipulationen ausgeschlossen werden.

Täglich werden an der EEX gigantische Mengen an Strom umgeschlagen, natürlich nur bilanziell. Die tatsächlichen, physischen Lieferungen erfolgen zwischen Verkäufer und Käufer zum jeweils vereinbarten Zeitpunkt. Und der liegt meist weit in der Zukunft. Gehandelt wird an der Börse nämlich nur zu einem Bruchteil der Strom, der am gleichen oder nächsten Tag aus der Steckdose kommt. Der überwiegende Teil ist Strom, der erst in Zukunft produziert und verbraucht werden soll.

Wie wird Strom eingekauft?

In der Zwischenzeit kann der Strom sogar mehrfach den Besitzer wechseln, bevor er schlussendlich beim Kunden ankommt. Das nennt man wie an anderen Börsen: Terminhandel. Am Terminmarkt decken sich die Stadtwerke und Regionalversorger zwischen fünf Wochen bis zu sechs Jahren im Voraus ein und beschaffen dort einen Großteil der Strommengen für den prognostizierten Strombedarf ihrer Kunden.

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Dabei kommt es auf viel Know-how an. Zum einen gilt es, den künftigen Strombedarf möglichst genau abzuschätzen: Denn je weiter die Prognose von der tatsächlichen Nachfrage abweicht, umso mehr muss tagesaktuell dazugekauft werden. Kurzfristig geordeter Strom ist in der Regel deutlich teurer als­ „Futures“, wie die Terminprodukte heißen. Zum Zweiten kommt es bei stark schwankenden Strompreisen darauf an, möglichst dann zu ordern, wenn die Strompreise gerade etwas nachgegeben haben. Um das Risiko zu mindern, kaufen Stadtwerke deshalb den Strom nicht auf einmal ein, sondern „strukturiert“ – also Teilmengen zu verschiedenen, möglichst günstigen Preisen.

Wie das Wetter den Strompreis beeinflusst

Natürlich können die Bedarfsprognosen nicht tagesgenau sein. Das geht schon wegen ungenauer Wettervorhersagen nicht: Laufen beispielsweise bei großer Hitze unvorhersehbar viele Klimaanlagen auf Hochtouren, müssen die Stromeinkäufer nachordern. Es bleiben also immer bestimmte Restmengen, die sehr kurzfristig zu beschaffen sind. Das passiert am Spotmarkt der Börse – für den nächsten Tag oder sogar noch für den gleichen Tag.

Im sogenannten Day-Ahead-Handel müssen bis spätestens 12 Uhr des Vortags Stromverkäufer ihre Angebote und Käufer ihre Gebote abgeben. Die Schnittstelle von Angebot und Nachfrage bestimmt dann den Börsenpreis. Ein letztes Feintuning erfolgt schließlich im Intraday-Handel. Die Vorlaufzeiten dafür haben sich dank Digitalisierung sowie hochflexibler Blockheizkraftwerke und Stromspeicher in letzter Zeit immer mehr verkürzt. Bis zu fünf Minuten vor Lieferbeginn können noch Abschlüsse erfolgreich sein. Vorausgesetzt, am Markt findet sich ein Anbieter, der so kurzfristig liefern kann.

Führen niedrige Pegelstände von deutschen Flüssen zu höheren Strompreisen an der Börse?

Ja. Diesen Effekt konnten Börsianer im Sommer 2018 beobachten. Weil auf dem Rhein Schiffe gar nicht oder nur teilbeladen fahren durften, konnte kaum noch Kohle in die Kraftwerke im Süden Deutschlands transportiert werden. Die Folge: Die Lager der Kohlekraftwerke leerten sich langsam, andere Kraftwerke mussten einspringen. Die Börsenpreise für die kurzfristige Beschaffung gingen zeitweise hoch. Auch Kühlwasser, das normalerweise aus den Flüssen entnommen wird, war knapp: Das ohnehin von der Sonne aufgeheizte Wasser durfte nicht zusätzlich durch die Kühlkreisläufe der Kraftwerke geleitet und erwärmt werden, um die Fischbestände zu schonen. Die sichere Versorgung der Menschen mit Strom war allerdings nicht in Gefahr.

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