Vom Gasfeld ins Wohnzimmer

Kein Land der Welt importiert mehr Erdgas als Deutschland. Bevor wir das Gas zum Heizen nutzen können, legt es einen weiten Weg zurück.

Es gibt nur wenige eigene Erdgasvorkommen in Deutschland. Die Erdgasfelder, zum Beispiel in der norddeutschen Tiefebene, sind weitgehend erschöpft und es wird immer schwieriger, neue Vorkommen zu erschließen. Rund 90 Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases werden daher importiert. Deutschland ist damit der größte Erdgasimporteur der Welt. Doch wo kommt das Erdgas eigentlich her und wie gelangt es in unsere Heizkeller?

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Fördern bei Minus 50 Grad

Mehr als ein Drittel des nach Deutschland importierten Erdgases stammt aus Russland, insbesondere aus Sibirien. Es wird dort vor allem in Gasfeldern an Land gewonnen. Zum Teil bei Dauerfrost, denn viele Förderstätten liegen in der Nähe des Polarkreises mit Wintertemperaturen von unter minus 50 Grad Celsius. Norwegen deckt rund 30 Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs. Die großen Gasfelder wie das Ekofisk-, Snøhvit- oder Sleipner-Feld fördern das Erdgas vor Norwegens Nordseeküste, im Nordatlantik und der Barentssee mit Unterwasserpipelines aus bis zu 2000 Metern Wassertiefe. Die Arbeiter auf den Bohrplattformen kämpfen mit Kälte, Wind und meterhohen Wellen. Auch Großbritannien oder die Niederlande exportieren Erdgas nach Deutschland.
Das russische Erdgas kommt über bis zu 5?000 Kilometer lange Pipelines nach Deutschland. Transitverbindungen wie die Jamal-Pipeline führen über Land durch Polen und Weißrussland. Die Transitländer berechnen den russischen Gasproduzenten dafür Transitgebühren. Seit 2010 ist außerdem die Ostseepipeline Nord-Stream in Betrieb. Sie startet im russischen Wyborg und führt auf dem Boden der Ostsee bis nach Lubmin in die Nähe von Greifswald. Mit Nord-Stream 2 wird eine zusätzliche Leitung auf dem Grund der Ostsee gebaut, die ab Ende 2019 Gas nach Europa liefern soll.

12 Tage bis ins Wohnzimmer

Beim Bau einer Pipeline ist es nicht damit getan, einfach eine lange Röhre zu konstruieren. Um das Erdgas über mehrere tausend Kilometer zu pumpen, müssen die Betreiber Reibungs- und Strömungsverluste ausgleichen. Denn während des Gasflusses über lange Strecken fällt der Druck durch die Reibung der Gasmoleküle im Gasstrom selbst und an den Rohrwänden ab. In Verdichterstationen wird er alle 100 bis 200 Kilometer wieder angehoben: Kompressoren und Gasturbinen, wie sie auch in Flugzeugen zum Einsatz kommen, verdichten das Erdgas auf bis zu 200 Bar. Zum Vergleich: Für einen Autoreifen sind rund zwei Bar vorgeschrieben.

Derart komprimiert, bewegt sich das Erdgas im „Mopedtempo“ durch die Röhre. Für die ­
5000 Kilometer lange Strecke braucht es rund zehn bis zwölf Tage. Bevor das Gas seine Reise antritt, wird es von den Produzenten gereinigt. Sie entfernen Feststoffe wie Sand und „trocknen“ das Erdgas, wenn es zu viel Wasser enthält.

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Endlich angekommen

In Deutschland angekommen, geht das Erdgas in die Anlande- und Übergabestationen der Ferngasnetzbetreiber. Sie lagern es in einem Gasspeicher oder leiten es direkt ins deutsche Pipelinenetz ein. Vorher wird der Druck des Gases in der Übergabestation an die örtlichen Leitungen angepasst. In den Übergabestationen erhält das Gas außerdem seinen typischen stechenden Geruch: einen Warnduft, damit ein Leck in der Gasleitung nicht unbemerkt bleibt. Die Fernleitungsnetzbetreiber beliefern Regionalversorger und Stadtwerke, die ihre Kunden mit der flüchtigen Energie aus der Leitung versorgen. Man kann sich das Erdgasnetz in etwa vorstellen wie ein Straßennetz: Die Pipelines sind sozusagen die Autobahnen, die Netze der Regionalverteiler die Landstraßen. Das Verteilnetz der lokalen Energieversorger entspricht den innerstädtischen Straßen und Wegen.

Eng vernetzt

Das deutsche Gasnetz hat insgesamt eine Länge von rund 500 000 Kilometern. Die Versorgungsunternehmen unterscheiden dabei Leitungen mit drei Druckstufen. Je nach Transportentfernung und Anforderung kommen Hochdruck- (> 1 Bar), Mitteldruck- (100 Millibar bis 1 Bar) und Niederdruckleitungen (Mehr zum Erdgas finden Sie hier.