Dringend gesucht: Ökopower

Was braucht Deutschland, um Elektroautos, Wärmepumpen und die Industrie künftig CO2-frei mit Energie zu versorgen? Mehr Strom aus Sonne und Wind.

Deutschland ist einer der größten Ökostrom-Produzenten weltweit. 2021 erzeugten erneuerbare Energien rund 240 Terawattstunden Strom – das sind 240 Milliarden Kilowattstunden. Genug, um knapp die Hälfte des Landes mit Ökostrom zu versorgen. Vergleicht man den Weg zur Klimaneutralität jedoch mit einem Hundertmeterlauf, hat die Bundesrepublik erst 25 Meter geschafft. Der größte Teil der Strecke liegt noch vor uns.

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Das liegt einerseits daran, dass die Stromversorgung noch nicht zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestellt ist. Andererseits wird der Stromverbrauch in den nächsten zwei Dekaden stark wachsen, prognostizieren Experten. Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) liegt er deutschlandweit zurzeit bei gut 550 Terawattstunden pro Jahr. 2045, im Jahr der Klimaneutralität, schätzt die Denkfabrik Agora Energiewende den Verbrauch auf rund 1000 Terawattstunden. Viermal so viel, wie derzeit an Ökostrom erzeugt wird. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE geht sogar von mindestens 1250 Terawattstunden aus.

E-Autos, Wärmepumpen und grüner Wasserstoff brauchen zusätzlich Ökostrom

„Die Gründe für den steigenden Verbrauch liegen auf der Hand“, sagt Maike Schmidt vom Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg. „Um Klimaneutralität zu erreichen, genügt es nicht, nur die klassischen Stromkonsumenten mit grünem Strom zu versorgen. Es braucht auch eine flächendeckende Elektrifizierung im Verkehrssektor und einen breiten Einsatz von Wärmepumpen in Gebäuden. Für die Stahl-, Chemie- und Zementindustrie und für Brennstoffzellenfahrzeuge wird zudem grüner Wasserstoff benötigt.“

Für 2030 sind laut BDEW rund 15 Millionen Elektro-Pkw, fünf bis sechs Millionen Wärmepumpen und 15 Gigawatt Elektrolysekapazität zur Produktion von Wasserstoff notwendig. Bis 2045 sollen diese Zahlen noch einmal deutlich steigen. Das erfordert große Mengen Strom aus erneuerbaren Energien, um die Klimaziele einzuhalten. Wie viele Terawattstunden es am Ende wirklich sein werden, weiß niemand, daher liegen die Schätzungen auch immer wieder etwas auseinander.

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Klar ist aber, dass das Land deutlich mehr Windenergie- und Photovoltaikanlagen benötigt: Die Fachleute von Agora Energiewende gehen davon aus, dass bis 2045 rund 390 Gigawatt Photovoltaikleistung installiert sein müssen. Das ist siebenmal so viel, wie derzeit errichtet ist. Bei der Windenergie erhöht sich die Leistung um mehr als das Dreifache: Aktuell sind rund 65 Gigawatt installiert, künftig sollen es 215 Gigawatt sein. Die Forschenden des Fraunhofer ISE kommen auf eine ähnliche Größenordnung.

Effizienzgewinne allein reichen nicht

Maßnahmen, um den Stromverbrauch zu senken – etwa der Austausch von Halogenlampen gegen LED, effizientere Prozesse in der Industrie oder der Verzicht auf Nachtspeicherheizungen – werden den wachsenden Hunger nach Elektrizität wohl nicht kompensieren können.

Ziel der bis 2021 amtierenden Bundesregierung war, durch mehr Energieeffizienz den Stromverbrauch bis 2020 um zehn Prozent und bis 2050 um 25 Prozent gegenüber 2008 zu senken. Das aber werde nicht funktionieren, sagen Energiefachleute. Der Bundesverband Erneuerbare Energien rechnet vor, dass zwar der klassische Stromverbrauch bis 2030 um rund 50 Terawattstunden abnehmen wird. Der zusätzliche Strombedarf allein im Wärme- und Verkehrssektor liege aber bei etwa 200 Terawattstunden. Die Effizienzgewinne reichen daher nicht, um den Mehrbedarf auszugleichen.

Wind und Solar brauchen bessere Rahmenbedingungen

„Ein stärkerer und schnellerer Ausbau der Windenergie und Photovoltaik, aber auch anderer regenerativer Energiequellen wie der Geothermie – daran wird Deutschland nicht vorbeikommen“, sagt Andreas Bett vom Fraunhofer ISE. „Bessere Rahmenbedingungen für Investitionen in erneuerbare Energietechnologien sind aus diesem Grund unabdingbar.“ Expertinnen und Experten fordern seit Langem kürzere Planungs- und Genehmigungsverfahren, vor allem für Windräder. Beim Netzausbau sei das ebenfalls nötig, um den grünen Strom in der Republik gut verteilen zu können.

Auch eine angepasste Förderung und zinsfreie Kredite durch die staatseigene KfW Bankengruppe, beispielsweise für Photovoltaikanlagen, sind ernstzunehmende Vorschläge. Besonders wichtig sei aber ein deutlich höherer CO2-Preis für die fossilen Konkurrenten Öl und Erdgas, betonen Energieexperten etwa vom Umweltbundesamt oder von Agora Energiewende. Denn das würde das Marktwachstum der erneuerbaren Energien zwangsläufig ankurbeln. Dann könnte die in den vergangenen Jahren nur schleppend vorangekommene Energiewende wieder Kraft tanken und Deutschlands Stellung beim Ökostromausbau wesentlich verbessern.